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Die Arbeiter (Klaus Peter und "Ralli" Formella) begegnen
zum ersten Mal Fabulo (Sven Schmidt), der ihnen die Märchen
und ihre Bedeutung im Allgemeinen und das Märchen Rapunzel
im Besonderen nahe bringen möchte.
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Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon
lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung,
der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatte
in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen
prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen
und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben,
und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte,
die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward.
Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten
hinab. Da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln
bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, daß
sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand,
von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und
da sie wußte, daß sie keine davon bekommen konnte, so
fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrak der
Mann und fragte: "Was fehlt dir. liebe Frau ? "Ach, antwortete
sie, "wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm
Hause zu essen kriege so sterbe ich." Der Mann, der sie lieb
hatte, dachte: Eh du deine Frau sterben läsest holst du ihr
von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will. In der Abenddämmerung
stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach
in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau.
Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller
Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut geschmeckt, daß sie
den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben,
so mußte der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte
sich also in der Abenddämmerung wieder hinab. Als er aber die
Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die
Zauberin vor sich stehen. "wie kannst du es wagen", sprach
sie mit zornigem Blick, in meinen Garten zu steigen und wie ein
Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen ? Das soll dir schlecht bekommen
!" "Ach", antwortete er, laßt Gnade für
Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen. Meine
Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt und empfindet ein
so großes Gelüsten, daß sie sterben würde,
wenn sie nicht davon zu essen bekommt. Da ließ die Zauberin
in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: "Verhält es sich
so, wie du sagst so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen,
soviel du willst; allein ich mache eine Bedingung: Du mußt
mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll
ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter."
Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen
kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen
R a p u n z e 1 und nahm es mit sich fort.
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Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf
Jahre alt war, schloß es die Zauberin in einen Turm, der in
einem Walde lag und weder Treppe noch Türe hatte; nur ganz
oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte,
so stellte sie sich unten hin und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Rapunzel hatte lange, prächtige Haare, fein wie gesponnen
Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie
ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und
dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin
stieg daran hinauf.
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, daß der Sohn des Königs
durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte
er einen Gesang, der war so lieblich, daß er stillhielt und
horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit
damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen.
Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach
einer Türe des Turms: aber es war keine zu finden. Er ritt
heim. Doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, daß
er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal
so hinter einem Baum stand, sah er, daß eine Zauberin herankam,
und hörte, wie sie hinaufrief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin
stieg zu ihr hinauf. "Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt,
so will ich auch einmal mein Glück versuchen." Und den
folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme
und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.
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Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam,
wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten. Doch der Königssohn
fing an, ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr,
daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden,
daß es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen
müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte,
ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, daß er jung
und schön war, so dachte sie: Der wird mich lieber haben als
die alte Frau Gotel, und sagte "Ja", und legte ihre Hand
in seine Hand. Sie sprach: "Ich will gerne mit dir gehen, aber
ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst,
so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter
flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich herunter, und du
nimmst mich auf dein Pferd." Sie verabredeten, daß er
bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte: Denn bei Tag kam die
Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel
anfing und zu ihr sagte: "Sag Sie mir doch, Frau Gotel, wie
kommt es nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den
jungen Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir ?"
"Ach du gottloses Kind !" rief die Zauberin, "was
muß ich von dir hören; ich dachte, ich hatte dich von
aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen !" In
ihrem Zorn packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug
sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten,
und, ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen
Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, daß
sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem
Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte
abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken
fest, und als der Königssohn kam und rief:
"Rapunzel, Rapunzel,
Laß mir dein Haar herunter !"
so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf,
aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin,
die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. "Aha",
rief sie höhnisch, "du willst die Frau Liebste holen,
aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht
mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen
auskratzen Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie
wieder erblicken !" Der Königssohn geriet außer
sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab.
Das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen
ihm die Augen. Da irrte er blind im Wald umher, aß nichts
als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern und weinen über
den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im
Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei wo Rapunzel
mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und einem
Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und
sie deuchte ihm so bekannt. Da ging er darauf zu und wie er herankam,
erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei
von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie
wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte
sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten
noch lange glücklich und vergnügt.
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